Don Quichote im Kräutergarten
Jeden Tag aufs Neue gegen die Windmühlen antreten –
auch das ist eine Wahl.
Wie es sich anfühlt, 2026 einen Food- und Gartenblog zu betreiben
Ich sitze um 23:17 Uhr vor meinem Laptop, der Bildschirm wirft ein kaltes Licht auf die letzten Reste vom Abendessen. Draußen in der Oberpfalz ist es still, genau wie in meinem Blog. Ich habe gerade den 187. Artikel veröffentlicht. Die SEO-Werte sind grün. Auch die Performance-Tools sind zufrieden. Theoretisch müsste der Beitrag gefunden werden. Und doch weiß ich schon jetzt: Es werden vielleicht 20–30 Menschen kommen. Wenn's gut läuft.
Bloggen 2026 fühlt sich an wie Don Quichotes Kampf gegen die Windmühlen, nur dass die Windmühlen diesmal aus Algorithmen, KI-Texten und unendlichen Pinterest-Boards bestehen.
Ich schreibe über das, was ich wirklich lebe: Selbstversorgung als echte Ergänzung zum Supermarkt. Über den kleinen Alltagssieg, wenn du morgens müde in die Küche schlurfst, nur schnell Kaffee kochen willst – und plötzlich merkst, dass dein Basilikum, das du vor Wochen aufs Fensterbrett gestellt hast, richtig schön geworden ist. Die Blätter duften frisch und du kannst dir direkt ein paar abzupfen und ins Rührei streuen. Kein großer Garten-Erfolg. Einfach ein unerwarteter kleiner Sieg mitten im hektischen Alltag.
Oder es ist die Brühe, die du zum ersten Mal selbst kochst – nicht wegen eines Rezepts, sondern weil du einfach mal wissen willst, wie das geht. 20 Minuten aktive Arbeit, den Rest macht die Zeit. Und plötzlich steht da etwas in deiner Küche, das besser schmeckt als jeder Brühwürfel. Kein Hexenwerk. Nur einmal ausprobiert und du weißt, wie es geht.
Es geht um Unabhängigkeit, die man sich auf wenigen Quadratmetern Balkon oder Garten erschaffen kann – und um einfache Dinge in der Küche, die man wieder selbst können darf. Das ist keine Omas Gartenromantik. Das ist jung, urban, ein bisschen rebellisch. „Einfach anfangen und dann mal schaun was daraus wird…" ist mein Mantra.
Ich bin überzeugt, dass das die richtigen Themen sind. Nur: Die Menschen, für die ich schreibe, finden mich trotzdem nicht.
Und genau hier liegt der Widerspruch, den ich erst jetzt richtig begreife.
Mein Thema ist modern. Es spricht Menschen an, die wenig Zeit haben und trotzdem etwas Sinnvolles wollen. Meine Verpackung aber ist klassisch: schöne Jahreszeitenfotos, ruhige Aussaat-Tipps, die Ästhetik eines wohlgeordneten Gartens. Ich habe den Inhalt einer 2026er-Generation in die Hülle einer 1980er-Gartenzeitschrift gesteckt. Das passt nicht. Das ist, als würde man Techno auf einer Blockflöte spielen und sich wundern, warum niemand tanzt.
Die Zielgruppe, die ich eigentlich erreichen will, ist jung. Sie hat wenig Zeit, noch weniger Geduld und springt schneller ab, als ich „Ladezeit optimieren“ sagen kann. Sie braucht in den ersten drei Sekunden den klaren Nutzen: „Wie spare ich 2026 zwanzig Euro im Monat beim Einkaufen, ohne meinen Job zu hassen?“ Doch Google und Instagram zeigen ihnen erstmal KI-generierte, makellose Rezepte und Videos von Leuten, die in drei Minuten einen ganzen Gemüsegarten zaubern. Warum sollten sie zu mir kommen? Und weshalb sollten sie mehr als drei Minuten investieren?
Und ich? Ich investiere Zeit, Geld und Herzblut. Ich optimiere, tracke, passe Überschriften an. Ich baue einen Pinterest-Account, einen Instagram-Feed und einen YouTube-Kanal auf – und merke plötzlich, dass ich kaum noch Artikel schreibe, weil ich damit beschäftigt bin, die Kanäle zu füttern, die eh niemand wirklich nutzt, um auf meinen Blog zu kommen. Es ist ein perfekter Kreislauf der Sinnlosigkeit.
Manchmal kommt dann noch die E-Mail: „Die vorgegebene Backtemperatur in deinem Rezept ist hoffnungslos zu hoch – bei 250 °C anbacken und 210 °C ausbacken wird die Kruste nahezu schwarz.“ Kein „Danke für den Beitrag“, kein „Trotzdem ein schönes Rezept“. Nur der blanke Ärger, den jemand an der einzigen Person auslässt, die noch mit echten Erfahrungen schreibt.
Und trotzdem klappe ich jeden Abend den Laptop wieder auf. Nicht weil ich die Lösung kenne – sondern weil ich weiterschreiben will: Artikel, die Alternativen zeigen, statt Ideologien.
Was ich ändern könnte – und was das kosten würde
Ich weiß genau, wie es aussehen müsste. Weniger Gartenromantik, mehr Alltag. Keine Weitwinkelaufnahmen von blühenden Beeten im Abendlicht, sondern Handy-Fotos vom chaotischen Küchenfensterbrett mit Kaffeeflecken auf dem Tisch. Kurze Texte, schnelle Schnitte, klarer Nutzen in drei Sekunden. „Selbstversorgung für Leute, die eigentlich keine Zeit haben.“
Die Verpackung müsste schreien: „Das ist für dich, nicht für deine Oma." Dann würde der Inhalt plötzlich klicken.
Aber dann müsste ich versuchen, jung und trendy zu wirken. Und das passt nicht. Das wäre nicht ich.
Ich mache aus meinem Alter und meiner Authentizität eine Stärke: Jemand, der keinen Trends hinterherrennt, sondern einfach zeigt, was funktioniert. Und genau diese Authentizität – einer Person, die schon viel gesehen und ausprobiert hat – kann für viele Menschen vertrauenswürdiger wirken als der x-te Life-Hack-Influencer.
Mein Ziel: Wahl statt Ideologie
Ich will niemandem eine neue Lebensform verordnen. Kein „Jetzt musst du alles selbst anbauen und den Supermarkt boykottieren“.
Ich will einfach zeigen, dass es eine echte Wahl geben kann.
Du kannst weiter das Fertigprodukt aus dem Kühlregal nehmen – kein Thema.
Oder einmal selbst kochen und merken, dass es besser schmeckt und weniger kostet.
Du kannst im Gartencenter drei Ochsenherz-Tomatenpflanzen für 24 Euro kaufen (ja, 2026 sind 7,99 € pro Pflanze schon fast normal).
Oder mit etwas Erde und ein paar Samen selbst anfangen und plötzlich zwölf Pflanzen und ein kleines Erfolgserlebnis haben.
Ich zeige nur, wie es gehen könnte. Die Entscheidung bleibt offen.
Vielleicht probiert es jemand einmal aus und merkt, dass ein kleines bisschen Kontrolle zurückkommt.
Die KI-generierten Rezepte und die perfekten Instagram-Gärten geben selten eine wirkliche Wahl. Sie geben eher Vorgaben. In dieser makellosen Perfektion steckt oft schon mit drin, was richtig, schön und erstrebenswert sein soll. Mir geht es nicht um Moral und nicht um Pflicht. Mir geht es darum, dass man überhaupt sehen kann: Es ginge auch anders.
Und deshalb stehe ich jeden Morgen wieder im Kräutergarten. Gieße die Töpfe, zupfe trockene Blätter ab, schaue was gewachsen ist und blogge weiter. Nicht weil jeder Text ein Treffer sein muss. Nicht weil ich gegen KI, SEO oder Social Media gewinnen könnte. Nicht weil ich glaube, dass ich die Windmühlen besiege. Sondern weil Schreiben für mich dieselbe Bewegung ist wie säen, kochen, einwecken: etwas Eigenes in die Welt setzen, obwohl es einfacher wäre, nur zu konsumieren. Das ist meine Wahl. Jeden Tag aufs Neue.
Und vielleicht merkt beim Lesen meiner Artikel jemand: „Ich habe eine Wahl. Und das fühlt sich verdammt gut an.“